Charpentier – Messe à quatre choeurs

Eine italienische Reise mit Marc-Antoine Charpentier

Die italienische und die französische Musikkultur waren im 17. Jahrhundert von tiefen Gegensätzen geprägt. Wurde in Italien viel auf kunstvolle Melodien und Gesangstechniken Wert gelegt, so dominierten in Frankreich eher der elegante Rhythmus, die Verbindung zum Tanz und ein feierlicher Orchestersatz. Vorurteile und mangelnde Begegnungen auf beiden Seiten verschärften die Konkurrenzsituation immer weiter. Kaum jemand wagte den Schritt in das jeweils andere Land, um die dortigen Musiktraditionen aus erster Hand und vorurteilsfrei kennenzulernen. Zu den wenigen Franzosen, die sich ganz bewusst für einen Studienaufenthalt in Italien entschlossen, gehörte Marc-Antoine Charpentier. In den 1660er Jahren weilte er drei Jahre vor allem in Rom und ließ sich von den dortigen Kollegen umfassend inspirieren.

Ohne die Italienreise wären viele Werke Charpentiers, die später in Paris entstanden sind, nicht denkbar, darunter seine Oratorien oder auch Teile seiner liturgischen Werke. Sébastian Daucé hat sich mit seinem Ensemble Correspondances nun auf die Spur dieser Italienreise von Charpentier begeben und dessen vierchörige Messe, die kurz nach der Rückkehr aus Rom entstanden ist, in Bezug zu möglichen italienischen Vorbildkompositionen gesetzt. Daucé kombiniert die klangprächtige „Messe à quatre choeurs“ von Charpentier mit mehrchörigen Werken der römischen Komponisten Beretta, Benevoli und Giamberti, aber auch ähnlichen Stücken aus Bologna, Venedig und Cremona.

Im Miteinander der vielen Chöre überzeugt das Ensembles Correspondances auf der ganzen Linie. Instrumentalisten und Sänger wirken hervorragend zusammen und sorgen für eine große und farbige Klangpracht. Allerdings nutzt sich die Dichte von 8, 12 oder 16 Stimmen auch bei bester Qualität auf die Dauer ab. Nur ein (vierminütiges) Solokonzert von Merula steht 75 Minuten Vielchörigkeit gegenüber. Ein bisschen mehr Abwechslung mit kleiner besetzten kirchenmusikalischen Werken hätte dem Album noch besser getan. Denn Charpentier hat auf seiner Italienreise sicher nicht nur Chorballungen gehört.