Charpentiers “Orphée”

Unvollendete Charpentier-Oper mit belgischem Doppel

Was für eine fantastische Parabel auf die Macht der Musik: Mit seinem unvergleichlichen Gesang gelingt es Orpheus, in die Unterwelt vorzudringen, alle Dämonen zu besänftigen und den sonst unnachgiebigen Pluto zu erweichen, ihm seine geliebte Eurydike zurückzugeben. Kein Wunder, dass viele Komponisten der Musikgeschichte diesen Mythos als Ausgangspunkt für die verschiedensten Werke gewählt haben. Marc-Antoine Charpentier, in Italien geschulter französischer Barockkomponist, hat gleich zwei sehr eindrucksvolle Orpheus-Kompositionen geschrieben: eine Kantate und eine (unvollständig überlieferte) Kammeroper.

In einer Koproduktion zweier in Belgien beheimateter Ensembles sind diese beiden Meisterwerke nun eingespielt worden: Vox Luminis unter Leitung des Bassisten Lionel Meunier und A Nocte Temporis unter Leitung des Tenors Reinoud van Mechelen. Die tiefe Verwurzelung beider Ensembles in der französischen Barockmusik ist jederzeit spürbar, in den Verzierungen, den Phrasierungen und im Zusammenspiel zwischen vokalen und instrumentalen Stimmen.

Diesen Orpheus muss man einfach in die Unterwelt eintreten lassen! Reinoud van Mechelen ist der unbestrittene Gesangsstar dieser Produktion. Seine weiche, warme und unmittelbar nahegehende Stimme ist tief beeindruckend und verkörpert absolut glaubwürdig den antiken Sänger, der das Unmögliche durch Gesang möglich macht. Andere Solisten aus dem Kreis von Vox Luminis machen ihre Sache auch sehr gut, sind aber im Ensemble am überzeugendsten. Hier ergibt sich ein beglückend homogener Klang.